Der israelische Feldzug gegen den palästinensischen Journalismus

Robin Walz

Mit der linken Hand hält Ismail al-Ghoul ein Mikrofon. Mit der rechten hält er sich an der Presseweste fest, die er auf sich trägt. Als würde sie ihm Halt geben und ein Gefühl der Sicherheit verleihen.

Im Hintergrund sind Trümmer zu sehen, typisch für die Bilder, die uns seit bald zwei Jahren aus dem Gazastreifen erreichen. Der 27-jährige Korrespondent für den katarischen Nachrichtensender al-Jazeera berichtet aus dem Flüchtlingslager al-Shati. Dort befindet sich das Familienhaus des Hamas-Anführers Ismail Haniyya, welcher einige Stunden zuvor bei einem israelischen Angriff in Teheran getötet wurde. Al-Ghoul beginnt über die Ereignisse zu sprechen. Hinter der Kamera steht sein gleichaltriger Berufskollege Rami al-Refee. Was die beiden Journalisten noch nicht wissen: Es wird das letzte Zeugnis ihrer Arbeit sein, welches sie am 31. Juli 2024 mit der Welt teilen.

In der Gegend, wo sich die beiden befinden, ist es zu jenem Zeitpunkt ruhig. Plötzlich schlägt eine israelische Rakete in einem nahe liegenden Gebäude ein. Al-Ghoul und al-Refee ergreifen in ihrem Fahrzeug die Flucht. Dies in der Annahme, dass es sich beim Angriff um eine Aufforderung zur Evakuierung handelt, wie ein weiterer Journalist, der ebenfalls vor Ort ist, später gegenüber dem Committee to Protect Journalists (CPJ) erklärt.1

Wenige Minuten nachdem die beiden ins Auto gestiegen sind, trifft eine israelische Drohne ihr Fahrzeug. Al-Ghouls Kopf wird vom Körper getrennt. Auch al-Refee ist umgehend tot. So auch ein 17-jähriger Junge, der mit seinem Fahrrad in der Nähe des Autos unterwegs war. Dass dieses mit «TV» beschriftet war, schützte die beiden Medienschaffenden nicht. Genauso wenig, dass sie zum Zeitpunkt des Angriffs Pressewesten auf sich trugen.

 

Gezielte Tötungen von palästinensischen Journalist:innen

So schrecklich dieser Vorfall erscheinen mag, so ist er doch kein Einzelfall. Das Schicksal von al-Ghoul und al-Refee steht stellvertretend für viele andere. Gemäss Angaben des CPJ2 – einer in den USA ansässigen, international anerkannten Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich weltweit für Pressefreiheit und die Rechte von Journalist:innen einsetzt – wurden seit dem 7. Oktober 2023 mindestens 168 palästinensische Medienschaffende getötet. Die Behörden im Gazastreifen sprechen in einer Stellungnahme vom 25. April 2025 gar von total 212 getöteten Journalist:innen. Klar ist jedenfalls: Für Reporter:innen ist der Krieg im palästinensischen Küstengebiet der tödlichste Konflikt, der je aufgezeichnet wurde.

Die Recherchen des CPJ decken auf, dass mindestens 17 Medienschaffende vom israelischen Militär gezielt getötet wurden, weitere Fälle würden untersucht. Zu den Fällen, die das Komitee als «Mord» klassifiziert, gehört auch jener von al-Ghoul und al-Refee. Eine weitere Recherche des israelischen Online-Magazins +9723 zeigt ein Muster von gezielten israelischen Drohnenangriffen auf palästinensische Journalist:innen – selbst dann, wenn sie eindeutig als Pressevertreter:innen erkennbar sind.4

Nebst gezielten Angriffen geraten palästinensische Journalist:innen auch anderweitig ins Visier der israelischen Streitkräfte. So wurden seit Kriegsbeginn laut Angaben von CPJ 84 Journalist:innen verhaftet. Auch al-Ghoul wurde einige Monate vor seiner Tötung festgenommen, als israelische Soldat:innen im März 2024 das al-Shifa-Spital stürmten. Nach zwölf Stunden in Gewahrsam, in welchem er verhört wurde, liessen sie ihn wieder frei.

Die Zahlen der Tötungen und Verhaftungen veranschaulichen, dass palästinensischen Medienschaffenden im Gazastreifen der Schutz nicht gewährt wird. Dieser würde ihnen nach humanitärem Völkerrecht eigentlich zustehen. Gemäss dem Zusatzprotokoll I der Genfer Konventionen sind Medienschaffende als Zivilist:innen geschützt, wenn sie in Kriegsgebieten tätig sind. Im Gazastreifen gilt das Gegenteil: Die Presseweste macht Journalist:innen zur Zielscheibe von gezielten israelischen Angriffen.

Terrorismusvorwurf als israelischer Rechtfertigungsgrund

Wie reagiert Israel auf die Vorwürfe, palästinensische Medienschaffende gezielt ins Visier zu nehmen? In den meisten Fällen behauptet das israelische Militär, dass es nicht absichtlich Journalist:innen angreift. Im Falle von al-Ghoul allerdings bestätigte es dessen gezielte Tötung einen Tag nach dem Angriff. In einer Medienmitteilung heisst es, al-Ghoul sei ein Hamas-Mitglied und ein «Nukhba»-Terrorist gewesen – Nukbha bezeichnet eine Spezialeinheit der Qassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas. Als «Beweis» veröffentlichte Israel eine Liste aus dem Jahr 2021, die angeblich auf «Hamas-Computern» im Gazastreifen gefunden wurde und zeigen soll, dass al-Ghoul als Ingenieur für die Hamas tätig war. Das Dokument wurde vom CPJ als unglaubwürdig eingestuft. Gegen die Vorwürfe spricht ausserdem, dass das israelische Militär al-Ghoul wieder freiliess, nachdem es ihn einige Monate vor seiner Tötung verhaftet hatte. Weshalb würde Israel einen «Terroristen» auf freien Fuss setzen?

Die israelische Praxis, getötete palästinensische Journalist:innen im Nachhinein des Terrorismus zu beschuldigen, geht auf die Zeit vor dem 7. Oktober 2023 zurück. Inzwischen scheint Israel eine neue Strategie zu testen. Im vergangenen Herbst beschuldigte das israelische Militär sechs Al-Jazeera-Journalisten, die aus dem Norden Gazas berichten, einer der militanten Gruppen Hamas oder Islamischer Dschihad anzugehören – und setzte sie dadurch quasi a priori auf eine Abschussliste. Auch hier fand das CPJ die «Beweise» der Israelis, welche geplante Tötungen rechtfertigen sollten, unglaubwürdig.

Trotzdem tötete das israelische Militär am 24. März 2024 in einem gezielten Luftangriff auf ein Auto einen dieser sechs Journalisten: den 23-jährigen Hossam Shabat. In einem Beitrag auf der Nachrichtenplattform verwies das israelische Militär auf die angeblichen Beweise, die Monate zuvor veröffentlicht wurden, und schrieb dazu: «Lassen Sie sich von der Presseweste nicht verwirren. Hossam war ein Terrorist.»

 

Israelische Angriffe auf Mediengebäude

Dass sich der israelische Feldzug nicht nur gegen einzelne Journalist:innen, sondern gegen den palästinensischen Journalismus allgemein richtet, zeigen zwei Beispiele. Im Herbst 2023 zerstörten israelische Geschosse das Büro der französischen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) in Gaza-Stadt. Eine viermonatige Recherche von Arab Reporters for Investigative Journalism5 – ebenfalls Teil von «The Gaza Project» – zeigte, dass die Agentur live aus Gaza streamte, als sie angegriffen wurde. Das israelische Militär kannte den exakten Standort.

Auch das Press House in Gaza-Stadt kam unter israelischen Beschuss. Die NGO galt einst als sicherer Zufluchtsort für palästinensische Journalist:innen. Junge Medienschaffende konnten dort nicht nur von Workshops profitieren, sondern auch Schutzausrüstungen ausleihen. Bekannt ist das Press House vor allem für sein Engagement zur Förderung des unabhängigen Journalismus – ein Anliegen, das im Gazastreifen aufgrund der politischen Lagerzugehörigkeiten nicht immer selbstverständlich ist. Dass die NGO für ihre Arbeit auch internationale Anerkennung geniesst, verdeutlichen die Partner:innen und Spender:innen, die auf der Homepage des Press House6 aufgelistet sind. Dazu gehört neben der EU, der UNESCO, Kanada und Norwegen auch die Schweiz.

Im Februar 2024 zerstörte das israelische Militär den Hauptsitz des Press House, wie eine Recherche von +972 Magazine7 – als Teil von «The Gaza Project» – detailliert beschreibt. Rami Abu Jamous, Direktor des Press House – er übernahm diese Rolle von Bilal Jadallah, der die NGO 2013 gegründet hatte und im November 2023 bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde –, sagte gegenüber dem israelischen Magazin Folgendes: Norwegen und die Schweiz hatten das israelische Militär vor dem Angriff über die Koordinaten des Gebäudes informiert. Trifft dies zu, ist auch hier von einem gezielten israelischen Angriff auf ein Mediengebäude die Rede.

 

Mangelnde Solidarität mit palästinensischen Medienschaffenden

Der Angriff auf palästinensische Journalist:innen und Medienhäuser schafft einen gefährlichen Präzedenzfall, der die wichtige Rolle von Journalist:innen in der Kriegsberichterstattung untergräbt. Das stellt eine grundsätzliche Bedrohung für den Journalismus dar.

In der Schweiz äussern zumindest einige Journalist:innen Bedenken zum israelischen Vorgehen und solidarisieren sich mit ihren Berufskolleg:innen im Gazastreifen. In einem offenen Brief8 fordern 111 Journalist:innen unter anderem den Schutz für Medienschaffende im Gazastreifen und eine ausgewogenere Berichterstattung über den Krieg, für welche auch palästinensische Journalist:innen vor Ort einbezogen werden sollen.

Dieser Einbezug ist umso wichtiger, weil Israel seit dem 7. Oktober 2023 keine unabhängigen internationalen Medienschaffenden in den Gazastreifen einreisen lässt – eine alarmierende Einschränkung der Pressefreiheit. Einzig in Begleitung des israelischen Militärs ist ein Besuch des Küstenstreifens möglich, wobei die Journalist:innen entsprechend eingeschränkt und nicht unabhängig berichten können.

Die Aufhebung des Einreiseverbots ins Kriegsgebiet ist eine weitere Forderung des offenen Briefs, in welchem auch Medienschaffende von SRF, 20 Minuten, Blick und anderen bekannten Schweizer Medien vertreten sind. Ansonsten bleibt die grosse Solidarität mit den palästinensischen Berufskolleg:innen weitgehend aus. An einem weiteren offenen Brief9 von über 70 internationalen Medien und Zivilgesellschaftsorganisationen, der Israel dazu auffordert, internationalen Journalist:innen unabhängigen Zugang zum Gazastreifen zu gewähren, war kein Schweizer Medium beteiligt.

 

«Ich bin müde, mein Freund»

Palästinensische Medienschaffende, die aus dem Gazastreifen berichten, übernehmen eine zentrale Funktion, weil sie diejenigen sind, welche die verheerenden Auswirkungen des Kriegs auf die palästinensische Zivilbevölkerung dokumentieren. Dabei sollte man nicht vergessen, dass sie unter denselben Bedingungen wie der Rest der Bevölkerung leben und arbeiten. Dazu gehören unter anderem der Mangel an Nahrungsmitteln, Wasser und medizinischen Gütern sowie Vertreibung. Dass dies eine extreme psychische Belastung bedeutet, ist selbstverständlich.

Auch al-Ghoul machte diese Erfahrungen. Er berichtete aus dem Norden des Gazastreifens, der von der humanitären Krise besonders betroffen war. Seine Frau und seine Tochter Zina hatte er seit Anfang des Krieges, als diese in den Süden flüchteten, bis zu seiner Tötung nicht mehr gesehen. Zina war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt, wuchs also ohne ihren Vater auf, und so wird es auch bleiben.

Wenige Tage vor seinem Tod schilderte al-Ghoul in einer Nachricht an einen Kollegen die emotionale Belastung durch den Krieg in Gaza: «Ich kann dir sagen, mein Freund, dass ich den Geschmack des Schlafes nicht mehr kenne. Die Leichen der Kinder und die Schreie der Verletzten und ihre blutgetränkten Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Schreie der Mütter und das Jammern der Männer, die ihre Angehörigen vermissen, verschwinden nicht mehr aus meinen Ohren. […] Ich bin müde, mein Freund.»


1 https://cpj.org/data/people/ismail-al-ghoul/

2 https://cpj.org/2025/02/journalist-casualties-in-the-israel-gaza-conflict/

3 https://www.972mag.com/israel-drone-gaza-journalists-forbidden-stories/

4 Die Recherche wurde im Rahmen von The Gaza Project durchgeführt – einer von der NGO Forbidden Stories koordinierten internationalen Kollaboration von 13 Medienhäusern, darunter auch Tamedia, um die israelischen Angriffe auf palästinensische Medienschaffende und Mediengebäude zu entlarven.

5 https://theintercept.com/2024/06/25/israel-gaza-journalism-afp-office-bombing/

6 https://en.palbas.org/

7 https://www.972mag.com/gaza-press-attacks-israeli-army/

8 https://www.gaza-journalisten-schuetzen.ch/

9 https://cpj.org/2024/07/media-organizations-urge-israel-to-open-access-to-gaza/#full-letter-below