Sumoud – der alltägliche Widerstand der Menschen in Gaza in Zeiten des Völkermords
Lisette Imboden
Sumoud, das arabische Wort für «Standhaftigkeit» oder «unerschütterliche Beharrlichkeit», ist ein gebräuchlicher Begriff, der den alltäglichen Widerstand der palästinensischen Bevölkerung gegen die israelische Besatzung, gegen Unterdrückung, Gewalt, ethnische Säuberungen und den derzeitigen Versuch, den Willen der Bevölkerung ein für alle Mal zu brechen und eine neue Realität durchzusetzen, beschreibt. Dieses zentrale Element im kollektiven palästinensischen Bewusstsein geht auf den Aufstand gegen das britische Mandat (1917–1948) von 1936 bis 1939 in Palästina zurück. Es erhielt während des sogenannten Palästinakriegs von 1947 bis 1949 neue Bedeutung, als sich die Menschen gegen die Enteignungen und die Zerstörung ganzer Dörfer sowie die Vertreibung von mehr als 700 000 Personen (rund vier Fünftel der damaligen Bevölkerung Palästinas) durch die zionistischen Terrororganisationen des entstehenden Staates Israel wehren mussten, was als Nakba oder Katastrophe bezeichnet wird. Seither gilt Sumoud als nationales Symbol im Kampf gegen die Besatzung und um den Verbleib auf palästinensischem Land, was auch immer geschehen mag.
Dieser Kampf umfasst nicht nur die Organisation und Durchführung von politischen Demonstrationen oder kulturellen Veranstaltungen, sondern manifestiert sich vor allem in konkreten Aktivitäten des Alltags wie etwa dem Bau und Wiederaufbau von Häusern trotz der Gefahr des Abrisses, dem Pendeln zur Arbeit oder zum Vergnügen trotz der zahlreichen Kontrollpunkte, dem Investieren in Bildung und Wirtschaftsprojekte zur Stärkung der Eigenständigkeit, der Schaffung und Stärkung nichtstaatlicher Institutionen, der Gewährleistung der sozialen Verantwortung von Unternehmen und nicht zuletzt in der Entschlossenheit, ein möglichst normales Lebens zu führen. Sumoud wurzelt in der tiefen Liebe der Menschen zu dem Ort, an dem sie geboren wurden, ihre Kinder grossgezogen und ihre Angehörigen begraben haben. Und dieser Ort ist Palästina, ihr angestammtes Land. Deshalb auch gibt es keine andere Wahl, als sich der Besatzung und Vertreibung zu widersetzen und weiter für Freiheit zu kämpfen. Und deshalb raffen sich die Überlebenden im Gazastreifen auch jetzt trotz aller Gräueltaten und Verwüstungen, trotz ständiger Bombardierungen, Elend und Trauer, Kälte und Nässe, Hunger und Durst immer wieder auf und versuchen, in den Ruinen und Zeltlagern ein einigermassen menschenwürdiges Leben innerhalb ihrer Familie zu führen und den Mitmenschen so gut als möglich beizustehen.
Seit Oktober 2023 führt Israel im Gazastreifen vor den Augen der Weltöffentlichkeit und mit Unterstützung der USA, Deutschlands sowie anderer westlicher und arabischer Länder einen Krieg gnadenloser Grausamkeit gegen die palästinensische Bevölkerung. Fast alle Menschen wurden oft mehrfach vertrieben, Zehntausende getötet und verstümmelt, davon etwa 70 Prozent Frauen und Kinder. Anfangs hoffte Israel noch, mit dem Abwurf von Millionen Flugblättern, die die Menschen gegen hohe Belohnungen zur Rebellion gegen die Hamas und zur Preisgabe der Namen ihrer Mitglieder aufforderten, die Gesellschaft spalten zu können. Auch Stammesführer sollten dazu gebracht werden, im Austausch für Nahrung und Schutz die Kontrolle über Teilgebiete zu übernehmen. Als dies nicht funktionierte, begann Israel, systematisch Clanvertreter und Stadträte zu töten, die Einfuhr von Hilfsgütern zu kappen und die Zivilbevölkerung durch unablässige Bombardierungen von einem Teil des Gazastreifens in andere Teile zu vertreiben.
Selbst Überleben ist Widerstand
Israels Angriffe richten sich nicht nur gegen die Menschen selbst, sondern auch gegen deren Lebensgrundlagen und Geschichte. Mit der Zerstörung der gesamten Infrastruktur versucht Israel absichtlich, Gazas Vergangenheit auszulöschen und den Anspruch der Menschen auf eine Zukunft in ihrer Heimat zu verweigern. Doch trotz modernster Kriegsmaschinerie ist es Israel bislang nicht gelungen, dieses bereits seit der Staatsgründung anvisierte und nun spätestens seit Herbst 2023 von israelischen Politiker:innen und Militärs in aller Öffentlichkeit kommunizierte Ziel der endgültigen Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung sowie der Inbesitznahme des Gazastreifens zu erreichen. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen im Gazastreifen war stets stärker als alle gegen sie geschmiedeten Pläne.
Während all der Schreckensmonate gab es immer wieder Initiativen sowohl von Einzelpersonen als auch von Gruppen, um die Lebensverhältnisse der ganzen Gemeinschaft zu verbessern. So bastelten Jugendliche mit Solarpanels Windräder, mit denen elektrische Energie für den Betrieb von Lampen oder zur Aufladung von Mobiltelefonen hergestellt werden konnte. Einzelne Bauern oder auch Gruppen von jungen Frauen begannen damit, Felder zu bestellen und Gemüse- oder Getreidesamen auszusäen. Lehrerinnen richteten in Zelten Schulen ein, Ärzte kümmerten sich um Patientinnen, junge Frauen offerierten Schönheitsbehandlungen. Poetinnen trugen Gedichte vor, Künstler malten Bilder, Jugendarbeiterinnen heiterten die Kinder mit Spielen und Theater auf. Obwohl diese Versuche durch weitere Bombardierungen und Vertreibungen immer wieder zunichtegemacht wurden, entstanden bald darauf wieder neue überraschende Aktivitäten an einem anderen Ort.
Schliesslich wurde im Januar 2025 ein von Katar mithilfe Ägyptens und der USA ausgehandeltes, dreistufiges Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas vereinbart, dessen Inhalt im Grossen und Ganzen mit demjenigen auch von der Hamas akzeptieren Vorschlag vom Frühjahr 2024 übereinstimmte, das damals jedoch von Israel vereitelt wurde. Beim Inkrafttreten der ersten Phase der Waffenruhe am 19. Januar, dem 471. Tag des israelischen Völkermords, reagierten die Menschen mit grosser Erleichterung und riesiger Euphorie. Sie strömten jubelnd, singend und vor Freude weinend auf die Strasse. Nicht, weil die Waffenruhe ihre getöteten Lieben zurückbringen oder das Leiden beenden würde, nicht, weil aus den Trümmerhaufen plötzlich wieder ihre alten Quartiere auferstehen würden, sondern weil sie endlich die Gelegenheit hatten, durchzuatmen und in den Ruinen nach ihren verschütteten Toten zu suchen, damit mit einem würdevollen Begräbnis endgültig von ihnen Abschied genommen werden konnte. Weil die Waffenruhe auch bedeutete, den Tränen, die seit mehr als 15 Monaten zurückgehalten werden mussten, freien Lauf lassen zu können. Und schliesslich, weil sie den Menschen ab dem 26. Januar erlaubte, sich auf den Weg zu den Überresten ihres Zuhauses in den ehemaligen Städten und Dörfern im Norden des Gazastreifens zu machen. Etwa eine halbe Million Flüchtlinge ergriffen diese Möglichkeit und kehrten in den folgenden Tagen mit ihren Habseligkeiten in langen Kolonnen nach Hause zurück.
Ein Hoffnungsschimmer inmitten der Verwüstung
Obwohl im Norden die Zerstörungen noch viel gravierender sind und der Kampf um Unterkunft, Nahrung, Wasser wegen der geringeren Menge an Hilfslieferungen viel schwieriger ist, machten sich die Zurückgekehrten trotz grosser Erschöpfung sogleich daran, mit einfachen Mitteln ihre Strassen zu säubern und Trümmer zu beseitigen. Sie setzten sich vom Glück erfüllt, wieder zu Hause zu sein, auf die Überreste ihrer Häuser und stellten daneben behelfsmässige Zelte auf. Und sie schworen trotzig, dass keine Macht sie jemals wieder aus ihrer Heimat vertreiben könne. Bodybuilder kehrten in ihre zerstörten Fitnessstudios zurück, gruben halbwegs intakte Maschinen aus und nahmen das Training inmitten eingestürzter Wände und Decken wieder auf. Ein Vater komponierte mit seinem Sohn ein neues Lied im traditionellen levantinischen Stil. Kinder – von denen nach Angaben der UN-Agentur für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) über 17 000 getötet wurden – nahmen zerstörte israelische Panzer als ihre neuen Spielplätze in Besitz. Die Stadtverwaltungen begannen damit, einige Wasserleitungen zu reparieren und Strassen freizulegen. Ärzt:innen und Pflegende richteten Räume in den ausbombardierten Spitälern so weit her, dass wieder Patient:innen behandelt werden konnten.
Freiwillige und lokale Hilfsorganisationen stellten zu Beginn des Ramadans lange Reihen von rot geschmückten Tischen und Plastikstühlen in den geräumten Strassenabschnitten auf und spannten farbige Girlanden mit Lampen und palästinensischen Wimpeln zwischen aufrecht gebliebene Häuserwände, um beim ersten Fastenbrechen nach Sonnenuntergang des 1. März die Menschen des Quartiers und Vertriebene voller Stolz bewirten zu können. Auf eine der Mauern wurde «Ramadan bringt uns zusammen» gemalt. «Die Menschen sind zutiefst traurig und alles um uns herum ist herzzerreissend», sagte Malak Fadda, der das gemeinsame Essen mitorganisiert hatte. «Deshalb haben wir beschlossen, diese Strasse wieder mit Freude zu erfüllen, so wie sie vor dem Krieg war.» Trotz aller Trauer und Ungewissheit über die Zukunft fühlten sich die Menschen, die sich nun an den Tischen versammelten, für einen kurzen Augenblick in eine lang zurückliegende, glücklichere Vergangenheit zurückversetzt. Mohammed Abu al-Dschidyan sagt: «Wir sitzen hier inmitten von Zerstörung und Schutt und wissen nicht, was wir mit unserem Leben anfangen sollen. Wir befürchten, dass der Krieg zurückkehren und noch mehr Zerstörung bringen wird. Aber wir sind trotz des Schmerzes und unserer Wunden standhaft. Hier essen wir Iftar auf unserem Land und wir werden diesen Ort nicht verlassen.»
Aber bereits einen Tag später kündigte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu an, die Einfuhr aller lebenswichtigen Hilfslieferungen wie Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff, später auch Elektrizität wieder auszusetzen, und wies gleichzeitig die israelische Armee an, 400 000 Reservist:innen einzuberufen. Der offizielle Grund für diese Strafmassnahmen war, dass die Hamas auf der korrekten Umsetzung der vereinbarten dreiphasigen Waffenruhe beharrte. Die USA und Israel änderten nun jedoch plötzlich die Spielregeln und legten einen Vorschlag vor, der eine Verlängerung der ersten Phase bis Mitte April verlangte. Die ursprünglich für Phase 2 beabsichtigte dauerhafte Waffenruhe, die Übergabe der verbleibenden Geiseln im Austausch gegen palästinensische Gefangene und der vollständige Abzug aller israelischen Streitkräfte aus dem Gazastreifen wären damit zumindest vorläufig vom Tisch gewesen, was für die Hamas natürlich nicht annehmbar war.
Jenseits des Ertragbaren
Israel, das seit Oktober 2023 alle Waffenstillstandsvorschläge torpediert hatte, verletzte damit in eklatanter Weise das schliesslich am 19. Januar 2025 in Kraft getretene Abkommen, wobei es sich von Beginn weg nie wirklich daran hielt. Die Luft- und Scharfschützenangriffe wurden, wenn auch in etwas geringerer Intensität, fortgesetzt. Ein Teil der Blockade blieb entgegen der Vereinbarungen zur Lieferung von Decken, Kleidern und lebenswichtigen Unterkünften wie Zelten und Wohnwagen bestehen, weshalb zahlreiche Neugeborene aufgrund der kalten Witterung an Unterkühlung starben. Die Einfuhr von schweren Baumaschinen zur Räumung der Trümmer, die Einreise von medizinischem Personal sowie der Transport verletzter Zivilpersonen in Krankenhäuser ausserhalb des Gazastreifens wurde behindert, wohingegen sich die Hamas trotz der enormen logistischen Herausforderungen stets darum bemühte, die Vorgaben möglichst einzuhalten.
Grünes Licht für den Last-Minute-Vorschlag erhielt Israel von US-Präsident Donald Trump persönlich, dessen Fantasie durch den Anblick der Trümmerhaufen mittlerweile bizarre Formen angenommen hatte. Er teilte ein groteskes KI-Video, das zu Beginn Kinder auf einer mit Trümmern übersäten Strasse zeigt, die auf einen Strand mit Palmen, Segeljachten und Wolkenkratzern führt. Trump schlürft mit Netanjahu an einem Hotelpool in Badehosen einen Cocktail. Am Strand in dem nun von den USA übernommenen und in eine «Riviera des Nahen Ostens» umgestalteten Gazastreifen regnet es Geld, Elon Musk isst Fladenbrot mit Hummus, eine Stimme besingt die glorreiche Zukunft Gazas und im Stadtzentrum überragt eine riesige Goldstatue Trumps die Szenerie. Das alles war nicht etwa humoristisch gemeint, sondern zeigt die ernst zu nehmende Vision des ehemaligen Immobilienmoguls. Für Palästinenser:innen bleibt da natürlich kein Platz mehr. Sie werden dazu aufgefordert, das Land freiwillig zu verlassen, ansonsten sie mit militärischer Gewalt vertrieben oder notfalls auch getötet würden. Die altbekannte Logik der kolonialen Eroberer also, die im Namen der Zivilisation und des Fortschritts Länder verwüsten, Städte in Staub verwandeln, Millionen von Menschen umbringen, Sprachen und Geschichten zum Verstummen bringen, um dann auf den Ruinen ihre Flaggen zu hissen und zu verkünden, eine leere Terra Nova entdeckt zu haben, ein Land ohne Vergangenheit, ohne Erinnerung, ohne Menschen. Aber Gaza ist nicht und war nie leer. Gaza war bereits uralt, als das alte Rom noch jung war. Es blühte, bevor man sich London und Paris überhaupt vorstellen konnte. Seit mindestens 5000 Jahren hinterliessen Kanaaniter, Ägypter, Philister, Assyrer, Babylonier, Perser und Griechen ihre Spuren in Gaza. Gaza war ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen, in dem Muslime, Christen und Juden zusammenlebten, lange bevor der Staat Israel 1948 gegründet wurde.
Im Gegensatz zu den USA, wo Trumps Vorschlag bei den Republikanern viel Lob erntete, und der selbstverständlich auch von Netanjahu als «frische Idee» mit Begeisterung aufgenommen wurde, stiess dieser Plan bei den Überlebenden im Gazastreifen auf Wut und Unglauben. Sie wissen besser als alle anderen um die schrecklichen Auswirkungen der 15 Monate dauernden israelischen Angriffe, denen eine jahrelange Abriegelung und mindestens sechs weitere Kriege vorangingen. Abu Firas lebt in einem Zelt an der Küste, die Trump zur «Riviera des Nahen Ostens» umbauen will. Sein Haus im Osten von Khan Younis wurde zerstört und er hat 80 Verwandte verloren. Er möchte Hilfe beim Wiederaufbau und keine Fahrkarte, um den Ort zu verlassen, den er liebt. Er sagt: «Lieber sterben wir hier, als dieses Land zu verlassen. Kein Geld der Welt kann uns unsere Heimat ersetzen.» Und Walid al-Munayya, der im Krieg sechsmal vertrieben wurde, fügt hinzu: «Wir haben ein gebräuchliches Sprichwort: ‹Wer sein Zuhause verlässt, verliert seine Würde.› Wir sind ein widerständiges Volk. Wir werden hierbleiben und keinen Zentimeter unseres Landes aufgeben.» Ramz, ein 50-jähriger Vater von vier Kindern, meint: «Egal, wohin jemand zieht oder wie sehr er versucht, in schönen Städten zu leben, er wird nie Frieden finden, ausser in seiner eigenen Stadt und seinem eigenen Land. Am Ende werden wir trotz all dieser Zerstörung hier auf unserem Land bleiben, um in Würde zu leben und zu sterben.» Firas sagt: «Israel hat Gaza mit allen Arten von Bomben und Raketen bombardiert. Trotz alledem konnten sie Gaza nicht kontrollieren. Wie können sie uns also zum Verlassen zwingen? Was können sie uns noch antun?»
Die Tore zur Hölle
Angesichts von Trumps Rückendeckung hatte das Waffenstillstandsabkommen keine Chance mehr auf eine Fortsetzung. Und schneller als befürchtet fand die Freude über die gewährte Atempause ein jähes Ende. Während die Menschen am frühen Dienstagmorgen des 18. März noch schliefen, überzog das israelische Militär den Gazastreifen ohne Vorwarnung mit einem Flächenbombardement und massakrierte innerhalb eines Tages mehr als 430 Palästinenser:innen, darunter mindestens 180 Kinder, 90 Frauen, ganze Familien und mehrere hochrangige militärische sowie zivile Hamas-Funktionäre. Die erneuten Angriffe wurden von martialischen Drohungen begleitet. Das sei erst der Anfang, sagte Ministerpräsident Netanjahu, und Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die Spielregeln hätten sich geändert und die Tore zur Hölle würden sich öffnen, falls nicht sofort alle Geiseln freigelassen würden. Er drohte mit «völliger Vernichtung und Verwüstung». Gaza werde israelisch sein oder es werde nicht sein. Am folgenden Freitag begann Israel mit einer neuen Bodenoffensive. Bis am 25. März wurden einmal mehr zehntausende Menschen vertrieben, Spitäler und Garküchen bombardiert und mehr als 800 Menschen getötet, darunter Journalist:innen sowie Angehörige des Zivilschutzes und medizinisches Personal des Roten Halbmonds und der UNWRA.
Während wie bereits seit Beginn des Kriegs im Oktober 2023 hunderttausende Menschen weltweit auf den Strassen gegen diese neuen Massaker protestierten, schwiegen die meisten Regierungen auch dann noch beharrlich. Zwar zeigten sich einige westliche Länder wie Grossbritannien, Frankreich und Deutschland besorgt und ermahnten Israel, zum Waffenstillstand zurückzukehren. Gleichzeitig versorgen sie das Land aber weiterhin mit Waffen, Geld, militärischer Aufklärung und nicht zuletzt mit politischer Unterstützung, indem sie gegen Organisationen und Personen zu Hause vorgehen, die den Vernichtungskrieg gegen die palästinensische Bevölkerung und die westliche Komplizenschaft kritisieren. Laut UN-Charta wären alle Länder völkerrechtlich verpflichtet, Strafmassnahmen gegen die offensichtlichen Verbrechen Israels zu ergreifen. Aber nicht Israel wird an den Pranger gestellt, sondern die Hamas. Sie wird für die Verletzung des Waffenstillstandsabkommens verantwortlich gemacht und dazu aufgefordert, die Waffen niederzulegen und die Geiseln freizulassen, «die sie auf grausame Weise festhält und die freizulassen sie sich beharrlich weigert».
Diese anhaltende Straflosigkeit erlaubt Israel, die Angriffe ganz nach Belieben fortzuführen. Seine Verbrechen werden fast nie als solche bezeichnet. Nur einmal brachte der britische Aussenminister David Lammy endlich den Mut auf, das Offensichtliche anzusprechen, nämlich dass Israel mit seiner Blockade der Hilfslieferungen nach Gaza tatsächlich gegen das Völkerrecht verstösst. Er wurde allerdings sofort wieder von seiner eigenen Regierung zurechtgewiesen. Westliche Regierungen und Mainstream-Medien versuchen ständig, die israelischen Verbrechen zu ignorieren, zu rechtfertigen, zu verharmlosen oder zu vertuschen. Damit machen sie sich an eben diesen Verbrechen jedoch mitschuldig. Darüber hinaus zerstört dieses Verhalten die grundlegendsten Regeln der internationalen Ordnung und der Charta der Vereinten Nationen, an deren Schaffung nach 1945 die europäischen Länder und die USA massgeblich beteiligt waren, um den Frieden nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust wiederherzustellen.
Der Preis des Schweigens
Die Lage im Gazastreifen hat jetzt apokalyptische Ausmasse angenommen. Die Bevölkerung ist mehr und mehr mit den Auswirkungen des über anderthalb Jahre andauernden, umfassenden Kriegs Israels und der totalen Blockade konfrontiert. Sie kämpft gegen Hunger, Durst, Tod, Krankheiten, Verletzungen und den weitgehenden Zusammenbruch der medizinischen Versorgung sowie der öffentlichen Ordnung. Sie ist erschöpfter, verzweifelter und desillusionierter denn je. Ramez, ein 17-jähriger Jugendlicher aus Gaza, schreibt: «Meine Familie ist in einer äusserst schwierigen Lage. Ich konnte mir kein Essen leisten. Alles hier ist teuer. Ich weiss nicht, was ich tun soll. Der Hunger ist wieder da.» Am nächsten Tag schreibt er: «Nur Gott weiss, was wir durchmachen. Wir sind, ohne etwas mitzunehmen, geflohen und stehen jetzt auf der Strasse. Die Lage ist extrem schlimm. Direkt vor unseren Augen wurde ein Massaker verübt, und sie haben uns aufgefordert, unter dem Beschuss zu flüchten.» Ein Mann mittleren Alters sitzt schweigend auf den Ruinen seines Hauses. Der Staub der Zerstörung klebt an seiner Haut. Auf die Frage, warum er nicht geht, warum er im Schatten der Verwüstung bleibt, antwortet er ruhig, aber unerschütterlich: «Mein Sohn ist hier gestorben. Hier wurde sein Blut vergossen. Seine Knochen liegen unter diesem Schutt. Wenn ich hier sitze, fühle ich mich ihm nahe.» In dieser einzigen Aussage liegt das Gewicht von tausend unerzählten Geschichten.
Schon vor dem Krieg war das Leben im Gazastreifen, das zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt zählt, alles andere als einfach, da sich die Wirtschaft durch die jahrelange Blockade und die politischen Verhältnisse nicht normal entwickeln konnte. Aber die Bewohner:innen waren trotz allem stolz auf ihre jahrtausendealte Geschichte, ihren Aufbruchsgeist auch in schwierigen Zeiten, ihren Zusammenhalt und ihr Engagement für die Bildung an mehr als einem Dutzend Hochschulen. Sie liebten die schönen Strände, das sonnige Klima und genossen es, in den Obstgärten, Restaurants und Cafés zu entspannen. Das alles ist nun zerstört. Die Menschen im Gazastreifen stehen nicht nur auf den Ruinen ihrer Häuser, aus deren Staub das Lachen der Verstorbenen nachklingt. Sie stehen auf den Ruinen einer gestohlenen Geschichte, auf den Erinnerungen an blühende, lebendige Städte und Dörfer, die von der Erde ausgelöscht wurden, um Platz für den Traum anderer zu machen. «Ein Land ohne Volk» wurde ihnen gesagt. «So etwas wie Palästinenser gibt es nicht», erklärte die ehemalige israelische Premierministerin Golda Meir, eine Frau, die vor der Gründung des Staates Israel selbst einen palästinensischen Pass besass. Und diese Lüge hat sich über die ganze Welt weiterverbreitet, sodass für die heutigen Machthabenden der Gazastreifen nun nur noch aus Trümmern besteht, die beseitigt werden müssen. Für die palästinensische Bevölkerung ist es aber nach wie vor nicht nur ihre altehrwürdige Heimat, sondern heiliger Boden. Sie fragen: «Wie können wir die wenigen Überreste unserer Lieben zurücklassen? Wie können wir weggehen, wenn jeder zerbrochene Stein ein Grabstein ist?» Das aufzugeben, würde bedeuten, diejenigen zu verraten, die vor ihnen für ihre Heimat gestorben sind. Zu gehen hiesse schliesslich, der zionistischen Lüge nachzugeben und Israel zu ermöglichen, die palästinensische Geschichte zu tilgen.
Keine Superhelden
Der Gazastreifen, eingeschlossen zwischen dem Mittelmeer, der Sinai-Halbinsel, der Negev-Wüste und Israel, beherbergt, wie der bedeutende palästinensische Schriftsteller und politische Denker Ghassan Kanafani bereits in den 1950er-Jahren schrieb, durch die erlittene brutale Belagerung, durch Bombardierung, Unterdrückung, Hunger, Tod, Verwüstung und unzählige andere Schwierigkeiten eine besonders starke, zähe, kämpferische, opferbereite und widerstandsfähige Bevölkerung, die tief in ihrem Land verwurzelt ist und sich unerschütterlich weigert, es aufzugeben. Von ihr können wir lernen, was Leben und was Existenz wert ist, sagt Kanafani. Aber auch sie besteht nicht aus Superhelden, die alles ertragen können und unsterblich sind. Angesichts des derzeitigen Völkermords benötigen die Menschen dort, die seit nunmehr über eineinhalb Jahren die Welt schreibend, erzählend, laut rufend um Aufmerksamkeit, um Hilfe und Unterstützung bitten, ohne dass ihnen wirklich zugehört würde, unsere ungeteilte, starke, eindringliche, unerschütterliche, laute, wirksame Solidarität.
Wir dürfen nicht zulassen, dass der monströse und nun bereits in Angriff genommene Plan Israels verwirklicht wird, die Bevölkerung Gazas zuerst in eine oder mehrere abgeriegelte Enklaven, eigentliche Konzentrationslager, zu sperren und dann Krankheit, Hunger, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit den Rest erledigen zu lassen, bis die letzten Überlebenden selbst zur Auswanderung drängen. Wir dürfen nicht zulassen, dass illegale Besitzansprüche durch Anwendung von unermesslicher militärischer Gewalt gegen eine unbewaffnete Zivilbevölkerung durchgesetzt und die Vernichtung der anderen durch Entmenschlichung wieder zur Normalität wird. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Völkermord im Gazastreifen die Ideale und Werte der Nachkriegsgenerationen zerstört und den Zerfall des moralischen Gefüges internationaler Institutionen vorantreibt. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Internationale Recht und die Menschenrechtscharta weiterhin nur selektiv angewendet und politisiert werden, wie sich das jetzt am Leid der palästinensischen Bevölkerung auf schmerzhafte Weise zeigt. Wir dürfen nicht zulassen, dass Israel weiterhin Straffreiheit für seine jahrzehntelangen systematischen Gräueltaten geniesst, wohingegen die Palästinenser:innen nach Meinung der Machthabenden die zu bestrafenden Schuldigen sind, denen jede Form des Widerstands verweigert wird. Wir dürfen nicht zulassen, dass Israel nun das uralte zionistische Projekt der Errichtung von Eretz Israel vom Fluss bis zum Meer durch die Vertreibung und Ausrottung der angestammten palästinensischen Bevölkerung umsetzen kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass Gaza als exemplarisches Symbol des Widerstands und der ersehnten Befreiung durch Auslöschung zum Schweigen gebracht wird.
Andernfalls werden wir einen hohen Preis bezahlen müssen, denn der Mythos, dass wir die Rechtsstaatlichkeit respektieren und die Menschenrechte, die Demokratie, die sogenannten «Tugenden» der westlichen Zivilisation schützen, wäre damit für immer zunichtegemacht. Dann wäre Israels rassistische, kolonialistische, genozidale Barbarei unsere eigene. Dann würden sich Fragen erübrigen, wer auf der Seite der Menschlichkeit stand und wer nicht, oder ob die internationale Ordnung nun eine Ordnung sei, in der «Macht vor Recht» oder «Recht vor Macht» gilt. Wollen wir das? Das Schicksal Gazas und damit die Zukunft der Palästinenser:innen liegt auch in unseren Händen. Niemand sollte uns jemals vorwerfen können, «es» gewusst und nichts dagegen getan zu haben. Lassen wir die Menschen in Palästina in ihrem Widerstands- und Überlebenskampf also nicht alleine.
Sumoud, das arabische Wort für «Standhaftigkeit» oder «unerschütterliche Beharrlichkeit», ist ein gebräuchlicher Begriff, der den alltäglichen Widerstand der palästinensischen Bevölkerung gegen die is
→ https://www.palquest.org/en/highlight/33633/sumud
→ https://www.middleeasteye.net/opinion/gaza-survived-thousands-years-cannot-erased-trump-israel
→ https://www.theguardian.com/world/2025/feb/05/palestinians-react-to-trump-plan-for-gaza
→ https://www.al-monitor.com/originals/2025/03/steadfast-gazans-begin-second-ramadan-amongst-rubble