Profit um jeden Preis

Jenny Schmid

«Von der Wirtschaft der Besatzung zur Wirtschaft des Genozids»¹: So lautet der Titel des im Juni erschienenen Berichts von UNO-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese. Sie beleuchtet darin, wie die sogenannte Konzernmaschinerie («corporate machinery») in dem seit 1968 besetzten palästinensischen Gebiet die doppelte siedlerkoloniale Logik aufrechterhält, die darauf abzielt, die Palästinenser:innen zu enteignen und sie von ihrem Land zu tilgen. «Viel zu viele Unternehmen haben von der illegalen Besatzung, der Apartheid und nun auch dem Völkermord profitiert», stellt Albanese fest. Sie befasst sich mit Unternehmen aus verschiedenen Branchen: Waffenhersteller, Technologieunternehmen, Bauunternehmen, Betriebe im Rohstoff- und Dienstleistungssektor, Banken, Pensionsfonds, Versicherungen, Universitäten und Wohltätigkeitsorganisationen. Sie alle ermöglichen die Verweigerung der Selbstbestimmung und andere strukturelle Gewalt im besetzten palästinensischen Gebiet, darunter Militäradministration, Annexion, Apartheid und Völkermord. Und sie sind beteiligt an Menschenrechtsverletzungen wie Diskriminierung, mutwilliger Zerstörung, Zwangsumsiedlung und Plünderung bis hin zu aussergerichtlichen Tötungen und Aushungern.

Allianz als Komplizin

Im Bericht erwähnt Albanese auch die drittgrösste Versicherungsgesellschaft weltweit: Allianz. Das Unternehmen ist unter anderem in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Italien präsent.² Allianz investiert rund 7,3 Milliarden US-Dollar in Unternehmen, die direkt in die Wirtschaft der Besatzung und des Völkermords involviert sind. So hat Allianz Verbindungen zu Caterpillar. Der US-Konzern liefert Israel D9-Bulldozer, die gemäss Albaneses Bericht als zentrale Waffen der Armee bei fast allen militärischen Aktivitäten seit 2000 eingesetzt werden. Automatisiert und ferngesteuert zerstören sie Gebiete und töten Palästinenser:innen.

Allianz investiert auch in die Plattform Booking.com, auf der Tourist:innen Unterkünfte in illegalen Siedlungen im Westjordanland und Jerusalem buchen können.³ In den letzten Jahren hat die Plattform die Anzahl angebotener Hotelzimmer und Wohnungen im Westjordanland mehr als verdoppelt – von 26 Angeboten im Jahr 2018 auf 70 im Mai 2023. In Ostjerusalem verdreifachte sich das Angebot nach Oktober 2023 gar auf 39 Unterkünfte.⁴

Auch mit Elbit Systems ist Allianz finanziell verstrickt. Die Versicherung wird beschuldigt, eine Haftpflichtversicherung für Israels grössten Rüstungskonzern bereitzustellen.⁵ Elbit Systems befindet sich in Privatbesitz und ist ein Aushängeschild der israelischen Tech-Branche. Es liefert 80 Prozent der Waffen und Ausrüstung für die israelischen Landstreitkräfte und stellt 85 Prozent der von der Luftwaffe eingesetzten Kampfdrohnen bereit. Die «Produkte» des Konzerns werden weltweit als «kampferprobt» vermarktet. Dieses Verkaufsargument bedeutet, dass Palästinenser:innen und ihr Land zum Testfeld für militärische Waffen und Ausrüstung werden.⁶

Aufgrund dieser wirtschaftlichen Verstrickungen von Allianz ruft BDS Schweiz zum Boykott des alljährlich stattfindenden Allianz Tags des Kinos auf. Die 540 angemeldeten Kinos wurden im Sommer 2025 aufgefordert, sich aus der Partnerschaft zurückzuziehen. Filmverleihende wurden dazu aufgerufen, die von Allianz organisierten Veranstaltungen zu boykottieren. Und das Kinopublikum wurde schweizweit dazu angehalten, dem Tag des Kinos fernzubleiben. Mehrere Kinos in der Romandie, vor allem in Genf, schlossen sich dem Aufruf an. Einige Kinos zeigten die von palästinensischen Regisseur:innen produzierten Kurzfilme aus der Anthologie «From Ground Zero».

Ein im März 2025 erschienener Bericht nennt weitere Versicherungen mit Sitz in der Schweiz, die in Israels Genozid involviert sind – so etwa AXA und Zurich. Der Bericht fasst zusammen: «Grosse Versicherungsgesellschaften investieren Millionen von Dollar in Rüstungsunternehmen, die Ausrüstung an Israel verkaufen. Diese Investitionen ermöglichen den Völkermord in Gaza, tragen weiterhin zur gewaltsamen ethnischen Säuberung und Kolonialisierung Palästinas bei und unterstützen die Entwicklung und den Einsatz tödlicher Waffen.»⁷

Banken und Besatzung

Auch Schweizer Banken finanzieren gravierende Menschenrechtsverletzungen an Palästinenser:innen mit. Sowohl die Schweizerische Nationalbank (SNB) als auch die UBS werden beschuldigt, sich finanziell am Genozid in Gaza zu beteiligen.⁸ So berichtete SRF im September darüber, dass die Schweizer Nationalbank (SNB) in neun Firmen investiert, die international aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Israel im militärischen Kontext scharf kritisiert werden.⁹

SNB und UBS investieren beide in Rüstungskonzerne und Hersteller von militärischer Infrastruktur. Die SNB besitzt Anteile an Caterpillar. Auch in Elbit Systems investiert die SNB. Die UBS hat ebenfalls Verbindungen zu diesem Unternehmen: Sie hat ihre Investitionen in Elbit Systems seit dem 7. Oktober 2023 gar verzehnfacht. Und sie investiert zudem in andere Waffenhändler. Zum Portfolio der UBS gehören auch die US-Giganten Lockheed Martin, Boeing und der deutsche Konzern Rheinmetall. Alle drei beliefern Israel mit militärischer Ausrüstung wie Kampfflugzeugen, Bomben und Drohnen.

Die SNB investiert in einen weiteren Waffenhersteller: die italienische Firma Leonardo. Albanese kritisiert das Unternehmen für seine Zusammenarbeit mit der israelischen Luftwaffe. Und auch Oshkosh befindet sich im Portfolio der SNB. Der US-Fahrzeughersteller liefert Militärfahrzeuge an die israelische Armee. UNO-Expert:innen haben von dieser Firma sowie anderen Herstellern bereits einen Lieferstopp an Israel gefordert.¹⁰

Zahlreiche Technologiekonzerne sind ebenfalls an Genozid und Unterdrückung der Palästinenser:innen beteiligt. Die SNB investiert in verschiedene davon – etwa in Microsoft und IBM. Microsoft unterstützt Israels Militär mit Cloud- und KI-Technologien. Als im Oktober 2023 die interne Cloud von Israels Militär überlastet war, sprang Microsoft mit seiner Azure-Plattform ein. Die sich in Israel befindlichen Server gewährleisten Datenhoheit und Schutz vor Rechenschaftspflicht.¹¹ IBM ist seit 1972 in Israel aktiv, bildet Militär- und Geheimdienstpersonal aus und betreibt Datenbanken, die die Überwachung von Palästinenser:innen gewährleisten.¹²

Auch in die US-Softwarefirma Palantir investiert die SNB. Palantir weitete seine Unterstützung für das israelische Militär nach Oktober 2023 aus. Albanese erwähnt in ihrem Bericht, dass es berechtigte Gründe zur Annahme gibt, dass Palantir automatische Technologien bereitgestellt hat, die eine Echtzeitintegration von Daten aus Gaza für automatisierte Entscheidungen ermöglichen. Auf Vorwürfe, dass Palantir Palästinenser:innen in Gaza getötet habe, antwortete Palantirs Geschäftsführer lediglich mit den Worten: «die meisten davon Terroristen, das stimmt».¹³

Im Portfolio der SNB befinden sich auch Amazon und Alphabet, die Holding-Gesellschaft, die den Internetgiganten Google besitzt. Beide stellen ebenfalls Cloud- und KI-Technologien für Israel bereit.¹⁴

Andere grosse Investoren, etwa aus Skandinavien und Grossbritannien, haben ihre Anteile an verschiedenen Firmen, in die die SNB nach wie vor investiert, etwa an Caterpillar oder Elbit Systems, mittlerweile verkauft.¹⁵ Die SNB hält an ihren Investitionen fest – trotz ihres Grundsatzes, «keine Wertschriften von Unternehmen, die grundlegende Menschenrechte massiv verletzen», zu erwerben.¹⁶

Zusammenarbeit im Rüstungsbereich

Auch staatliche Betriebe und Behörden sind in diese Deals hochgradig verwickelt. Die Zusammenarbeit zwischen dem Schweizer Nachrichtendienst, der Schweizer Armee und schweizerischen Rüstungsfirmen mit ihren israelischen Counterparts ist seit Jahrzehnten eng. Von 2013 bis September 2025 gab es allein im Verteidigungsdepartement VBS (ohne Nachrichtendienst) insgesamt 1230 Dienstreisen nach Israel, davon knapp die Hälfte vom Bundesamt für Rüstung Armasuisse.¹⁷

Zwei politisch und auch vom militärischen Nutzen her umstrittene grosse Beschaffungsprojekte der Schweizer Armee betreffen den israelischen Rüstungskonzern Elbit, von dem schon die Rede war: Es geht um Drohnen und die Modernisierung der Telekommunikation. Elbit hat dafür eine schweizerische Tochtergesellschaft gegründet, Elbit-Switzerland. Dessen Verwaltungsratspräsident sagt: «Wir entwickeln in der Schweiz Produkte für den Elbit-Konzern mit. Der Techtransfer läuft in beide Richtungen.»¹⁸ Schweizer Know-how unterstützt also die israelische Rüstungsindustrie, die direkt am Genozid beteiligt ist und ihre High-Tech-Produkte im Krieg erprobt und weiterentwickelt. Die zitierte Aussage des Verwaltungsratspräsidenten Jakob Baumann wird heute von Armasuisse bestritten. Aber genau deren Chef war Baumann früher.

Das ist ein Muster. Nicht nur Schweizer Unternehmen sind wirtschaftlich in Israels Genozid an den Palästinenser:innen verwickelt. Auch personelle Verknüpfungen zwischen zum grösseren Teil ehemaligen Militärs und weiteren staatlichen Vertreter:innen der Schweiz und der mit Israel verbundenen Rüstungsindustrie haben System.

In die Tätigkeiten des israelischen Sicherheitsunternehmens Bagira Systems, das unter anderem an Simulatoren israelische Soldat:innen für den tödlichen Einsatz in Gaza vorbereitet, bzw. vor allem in die schweizerische Tochterfirma Bagira Switzerland sind mehrere ehemalige hochrangige Schweizer Militärs verstrickt.¹⁹ Dasselbe Muster findet sich im Zusammenhang mit der israelischen Investment-Gruppe Champel Capital wieder. Dieses Unternehmen äufnet derzeit einen riesigen Investitionsfonds im Rüstungs- und Sicherheitsbereich. Es geht darum, aus den israelischen Kriegserfahrungen, die in die Rüstungsindustrie des Landes einfliessen, und aus den global explodierenden Rüstungsbudgets maximal Profit schlagen zu können.

Im Beirat dieses Fonds sassen zuerst gleich zwei Personen mit Erfahrungen an sicherheitspolitischen Schalthebeln des Schweizer Staats: ein führender Mitarbeiter der Swiss Innovation Forces, eines bundeseigenen Unternehmens, das Innovationen für die Schweizer Armee anstossen soll, und Nicoletta della Valle, bis Anfang 2025 Direktorin des Bundesamts für Polizei (Fedpol). Beide figurieren aufgrund des politischen Drucks heute nicht mehr auf der Website von Champel Capital.

Co-Gründer von Champel Capital ist der israelisch-schweizerische Doppelbürger Amir Weitmann. Er ist Siedler, Politiker in Netanjahus Likud-Partei und hält mit seinen extremen, genozidalen Ansichten nicht zurück. Bereits im ersten Kriegsmonat Oktober 2023 schrieb er für den rechten Thinktank Misgav Institute ein Paper, das den Transfer der palästinensischen Bevölkerung in Gaza nach Ägypten postuliert.²⁰ Zu diesem Kriegsziel steht er noch heute. In Social-Media-Posts publizierte der auch in Zürich und Genf an den nobelsten Adressen smart auftretende Investor regelmässig Aussagen wie «MAKE GAZA FLAT AGAIN».

Generell profitiert die Schweizer Wirtschaft derzeit insbesondere von der Ausfuhr von Dual-Use-Gütern nach Israel. Diese Güter können sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden.²¹ Schweizer Völkerrechtler:innen und weitere juristische Expert:innen kritisieren, dass die Schweiz dadurch ihre Verpflichtungen, einen Genozid und Verletzungen des humanitären Völkerrechts durch Kriegsverbrechen zu verhindern, fahrlässig vernachlässige.²²

Der Export von Dual-Use-Gütern nach Israel hat 2025 einen neuen Höchststand erreicht. Bis im September sind Ausfuhren im Wert von 21,8 Millionen Franken bewilligt worden – deutlich mehr als die Gesamtsumme im bisherigen Rekordjahr 2024.²³

Der Bericht von Sonderberichterstatterin Francesca Albanese bestätigt, was auch diese Ausführungen zu Schweizer Verstrickungen zeigen: Der von Israel verübte Genozid dauert an, weil er für viele lukrativ ist. Die anhaltende Besatzung wird zum idealen Testfeld für Waffenhersteller und grosse Technologieunternehmen – mit grenzenlosem Angebot und unersättlicher Nachfrage, wenig Aufsicht und keiner Rechenschaftspflicht. Investoren sowie private und öffentliche Unternehmen können frei davon profitieren. So auch Schweizer Akteur:innen.


Quellen:

1 https://www.ohchr.org/en/documents/countryreports/ahrc5923-economy-occupation-economygenocide-report-special-rapporteur

2 https://bds-info.ch/de/diesen-sonntag-undauch-danach-boykottiert-allianz/

3 https://bds-info.ch/de/boykottiert-allianzam-7-september/

4 Siehe Fussnote 1

5 Siehe Fussnote 3

6 https://bdsmovement.net/news/elbit-systemswar-criminals-and-genocidaires-facefinancial-woes

7 https://boycottbloodyinsurance.org/wpcontent/uploads/2025/03/Ensuring-Genocide-Report.pdf

8 https://lecourrier.ch/2025/10/06/ubs-depretoria-a-gaza-les-profits-dabord/, https://www.srf.ch/news/schweiz/krieg-imnahen-osten-nationalbank-investiert-inumstrittene-firmen

9 Siehe Fussnote 8

10 Siehe Fussnote 8

11 Siehe Fussnote 1

12 Siehe Fussnote 8

13 Siehe Fussnote 1

14 Siehe Fussnote 8

15 Siehe Fussnote 8

16 https://www.snb.ch/de/snb-explained/investment-policy

17 https://www.republik.ch/2025/11/03/dieisrael-connection-des-schweizer-militaers

18 https://www.woz.ch/2345/ruestungspolitik/heikler-transfer-von-know-how/!JFEH9FVVNVTE

19 Siehe Fussnote 17

20 https://www.commondreams.org/news/ethniccleansing-gaza

21 https://www.rts.ch/info/suisse/2024/article/des-entreprises-romandes-utilisees-parisrael-pour-sa-guerre-a-gaza-28605182.html

22 https://www.unifr.ch/ius/besson/fr/assets/public/Chaire/pdf/Palestine_lettre_professeurs_110825-version-bilingue.pdf und https://cdn.repub.ch/s3/republik-assets/repos/republik/article-no-tech-for-genocide/files/5f2f28c9-b06a-4f05-b612-454bd4d6e359/m-bosonnet-brief-an-bundesrat-endversion07082025-16.17.pdf

23 https://www.seco.admin.ch/seco/de/home/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit/Wirtschaftsbeziehungen/exportkontrollen-und-sanktionen/exportkontrolle_industriegueter/statistik/2015.html und siehe Fussnote 7